XXXII. Stuttgarter Druckforum: KBA demonstriert Flying JobChange
Wie lassen sich kleine Auflagen besonders schnell und rentabel produzieren? Warum kann eine Bogenoffsetmaschine mit Flying JobChange auch bei sehr kleinen Auflagen mit dem Digitaldruck konkurrieren? Welche Technik ist dafür erforderlich? Diese und weitere Fragen wurden beim KBA-Abend im Rahmen des XXXII. Stuttgarter Druckforums am 29. Januar beantwortet.Unter der Headline: „Rüstzeiten ade! Auftragswechsel ohne Pause mit Fyling JobChange“ präsentierte KBA unter der Moderation von Marketingdirektor Klaus Schmidt ein Alleinstellungsmerkmal im Bogenoffset, das unproduktive Rüstzeiten gegen Null reduziert. Walter Hartmann, Betriebsleiter bei AZ Druck und Datentechnik in Kempten und Jürgen Veil, KBA-Marketingleiter für Bogenoffsetmaschinen, beleuchteten die technischen Hintergründe, wirtschaftlichen Vorteile, organisatorischen Voraussetzungen und geeignete Geschäftsfelder für den Fliegenden Auftragswechsel mit der Hightech-Mittelformatmaschine Rapida 106.
In seiner Einführung skizzierte Klaus Schmidt die aktuelle Marktsituation für die Druckbranche und die Druckmaschinenbauer. Die seit September 2008 anhaltende Krise habe den Strukturwandel und Konzentrationsprozess in der Branche enorm beschleunigt, das Entscheidungstempo bei vielen Akteuren angesichts gewachsener Unsicherheiten aber reduziert. Dennoch seien bei den Herstellern weiter Innovationen wie Flying JobChange nötig, um Print im elektronischen Zeitalter zu stärken, ebenso aber auch Investitionen in moderne Technik bei den Druckbetrieben, um den verschärften Ausleseprozess heil zu überstehen. Für die großen Hersteller werde der Weltmarkt für Druckmaschinen nach Ende der Krise das hohe Volumen vergangener Jahre kaum mehr erreichen. Neben Internet, Digitaldruck und anderen Parametern sei der durch die Lieferindustrie vorangetriebene technische Fortschritt ein Teil des Problems. Eine Hochleistungs-Bogenmaschine wie die Rapida 106 ersetze mit ihrer Produktivität zwei oder drei ältere Maschinen und arbeite zudem mit weniger Personal. Dennoch könne man als Lieferant nicht auf Neuheiten verzichten, wenn man weiter in der Top-Liga mitspielen wolle.
Individuelle Staatshilfen sind Gift für einen fairen Wettbewerb
Schmidt: „Alle Hersteller sind aufgerufen, ihre Kapazitäten an den kleiner gewordenen Kuchen anzupassen. An diesem schmerzhaften Prozess ändern auch eventuelle Fusionen nichts.“ Kritisch äußerte sich der Diplom-Volkswirt zum Thema Staatshilfen. „Wenn das Arbeitsamt die Löhne für einen insolventen, aber weiter produzierenden mittelständischen Druckbetrieb bezahlt und dieser dann mit Dumpingpreisen gesunde Unternehmen in Schwierigkeiten bringt, regen sich viele auf. Genauso wettbewerbswidrig ist es aber, wenn ein Großunternehmen seinen durch hohe einseitige staatliche Kredite und Bürgschaften wieder gewonnenen Finanzspielraum dafür nutzt, nicht mehr marktgerechte Kapazitäten zu konservieren und auf Halde zu produzieren, um dann trotz anhaltender Verluste übervolle Lager zu „Schnäppchen-Preisen“ abzuverkaufen.“ Dass die durch Staatshilfe vermeintlich gesicherten Jobs dann evtl. dort verloren gehen, wo man traditionell schlank aufgestellt ist, konsequenter Kosten und Kapazitäten gesenkt und in guten Zeiten selbst finanziell vorgesorgt hat, werde ohne Widerspruch als Kollateralschaden hingenommen.
Der Verfall der Preise auf dem Maschinenmarkt sei für die gesamte Druckbranche problematisch. Finanziell ausgebluteten Lieferanten fehlt die Kraft für Neuentwicklungen. Druckbetriebe, die 2008 zu üblichen Preisen investierten, haben nun das Nachsehen. Parallel zum Preissturz bei Neumaschinen sinken der Marktwert der in den Druckereien vorhandenen Maschinen und die Preise auf dem Gebrauchtmaschinenmarkt. Dies kann sich als eine teuere Hypothek bei künftigen Finanzierungen erweisen.
Nonplusultra der Automatisierung
Jürgen Veil erläuterte die technologischen Voraussetzungen, den Prozessablauf und die auch finanziell beachtlich zu Buche schlagenden Rüstzeitvorteile beim Fliegenden Jobwechsel an der KBA Rapida 106. Eine ganze Reihe von Automatisierungskomponenten tragen zur Rüstzeitsenkung bei. Angefangen beim Auftragswechselprogramm über die auftragsbezogene Datenspeicherung, die ziehmarkenfreie Anlage DriveTronic SIS, den 2007 von KBA in Verbindung mit der Einzelantriebstechnik eingeführten simultanen Plattenwechsel DriveTronic SPC, das automatische Register Plate-Ident, simultanes Waschen mit CleanTronic Synchro bis hin zur automatischen Saugringpositionierung ASP in der Auslage. Veil erläuterte aus der Sicht des Praktikers, wie jedes Automatisierungsmodul, oft parallel zu anderen wertvolle Zeit spart und sich oft nach kurzer Zeit durch die höhere Nettoleistung amortisiert.
So lassen sich z. B. beim 1/1-farbigen Druck von Bedienungsanleitungen auf einer Zweifarbenmaschine mit Bogenwendung bis zu vier verschiedene Aufträge á 1.000 Bogen in 30 Minuten produzieren. Zwischen den ersten drei bis vier Aufträgen werden bei dieser voll automatisierten Maschine für Sauberdrucken, Plattenwechsel und Hoch-/Herunterfahren jeweils drei und anschließend für zusätzliches Gummituchwaschen sechs Minuten benötigt. Nutzt man für die gleiche Produktion eine Vierfarbenmaschine mit Bogenwendung nach dem zweiten Druckwerk und KBA Flying JobChange, verdoppelt sich die Anzahl möglicher Produktionen auf sechs Aufträge. Während eine 1/1-farbige Produktion in den Werken 1 und 3 der Maschine läuft, findet parallel in den Werken 2 und 4 der automatische Plattenwechsel mit exaktem Vorregister statt. Nach Beenden der Produktion werden die Werke 1 und 3 ausgekuppelt, es laufen ca. 10-20 Sauberdruck-Bogen durch die Maschine, die Werke 2 und 4 werden parallel dazu bei geringfügig reduzierter Maschinengeschwindigkeit von 12.000 Bogen/h eingekuppelt und schon kann die Rapida 106 mit dem neuen Auftrag wieder auf die Maximalleistung von 15.000 Bogen/h im Schön- und Widerdruck hochfahren.
Für kleine Auflagen besonders wirtschaftlich
Mit beispielhaften Wirtschaftlichkeitsberechnungen wies Jürgen Veil nach, dass bei diesem Geschäftsmodell mit einer Vierfarben-Rapida 106 und Flying JobChange die Produktivität um ca. 50 Prozent steigt. Bei mittleren und hohen Auflagen ist der Fliegende Jobwechsel wirtschaftlich weniger interessant, bei den immer häufigeren kleineren Produktionen bis zu ca. 1.900 Bogen ist er allerdings zeitlich und wirtschaftlich der herkömmlichen Produktionsvariante mit einer 1/1-farbigen Maschine weit überlegen.
Genau darauf setzen bereits zwei Unternehmen: Die zur Euradius-Gruppe gehörende Druckerei Ten Brink (s. hierzu Presseinformation 10-003 vom 18.01.2010) im niederländischen Meppel hat im Dezember 2009 parallel gleich vier Rapidas 106 für den 2 über 2-Druck in Betrieb genommen und produziert darauf mit Flying JobChange vor allem 1/1-farbige Bücher in kleinen Stückzahlen. Da die Auflagen rückläufig sind und die Lieferzeiten immer knapper werden, ist diese Produktionsvariante ideal für das Unternehmen.
Seit einem Jahr erfolgreich bei AZ Druck und Datentechnik
Die AZ Druck und Datentechnik in Kempten/Allgäu produziert als Pilotanwender seit etwa einem Jahr mit einer identischen Rapida 106. Bei der 100%-igen Tochtergesellschaft des Allgäuer Zeitungsverlages werden eine hohe Vielfalt an Geschäftsdrucksachen aber auch Zeitschriften, Periodika und Bücher hergestellt. Ein wichtiges Geschäftsfeld sind Bedienungsanleitungen und Loseblattwerke. Betriebsleiter Walter Hartmann erläuterte beim druckforum, wie er Flying JobChange eingeführt hat und wann sich der fliegende Wechsel besonders rechnet: Die optimalen Auflagenhöhen liegen zwischen 800 und 2.000 Bogen. Vor allem Aufträge mit vielen Signaturen und ähnlicher Verteilung von Text und Bildern werden im fliegenden Wechsel produziert.
Bereits in der Disposition fasst das Unternehmen alle Aufträge für CtP und Druck zusammen, die sich für Flying JobChange eignen. Zudem war ein weiterer Plattenbelichter erforderlich, um die hohe Anzahl an Druckplatten pünktlich bereitstellen zu können. Um die Platten nach Signaturen, Farben und Druckwerken sortiert an die Maschine zu bringen, installierte AZ Druck eine vollautomatische Plattensortierung und Abstapelung mittels Strich- bzw. Datamatrix-Code. Vorsortiert stehen die Druckplatten sektionsbezogen an der Rapida 106 bereit. Um die Anzahl erforderlicher Stapelwechsel zu reduzieren, werden die Papierstapel vorab an die mit Fliegendem Jobwechsel zu produzierenden Aufträgen angepasst. Und natürlich sind auch alle Auftragsdokumente mit Mengen- und Signaturaufstellungen, Stapelkarten und Bogenkennzeichnung entsprechend vorbereitet. Da die gesamte Kette durchorganisiert ist, haben die Drucker auch rechtzeitig die richtigen Platten zum automatischen Wechsel in den Druckwerken. Hartmann: „Die Drucker werden an dieser Maschine zu Vollgas-Piloten. Klar ist, dass man dafür das richtige Personal braucht. Bei unseren Druckern überwog der Stolz, als erste weltweit im Bogenoffset Fliegend zu wechseln.“
Geschäftsmodelle im ein- und mehrfarbigen Bereich
Nicht nur beim 1/1-farbigen Druck macht Flying JobChange Sinn. Jürgen Veil erläuterte weitere interessante Anwendungen. So könnte eine Achtfarbenmaschine mit Lackturm und Flying JobChange bei der Produktion von Pharmaverpackungen, Etiketten oder Sammelformen eine Alternative zu einer Vierfarbenmaschine mit Lack sein. Während in den ersten vier Werken die Produktion läuft, werden die Werke 5 bis 8 mit dem folgenden Auftrag gerüstet. Selbst bei umfangreichen Rüstvorgängen mit Farb-, Lackplatten- und Stapelwechsel ist die Achtfarbenmaschine mit Flying JobChange bis ca. 2.500 Bogen Durchschnittsauflage wirtschaftlicher als die Vierfarbenmaschine. Wenn Farbwechsel, Walzen waschen und Plattenwechsel parallel zum Fortdruck stattfinden, stehen nach Beendigung des Auftrages nur noch das parallele Gummituch- und Druckzylinderwaschen, Stapel- und Lackplattenwechsel sowie die parallele Vorbereitung des nächsten Auftrages an. Anstatt 22 Minuten an der Vierwerke- werden nur 9 Minuten Rüstzeit an der Achtfarbenmaschine benötigt. Bei einer durchschnittlichen Auflagenhöhe von 5.000 Bogen lassen sich auf der Achtfarben jährlich 2.410 Aufträge bzw. über 12 Mio. Bogen mehr produzieren. Damit ist selbst die Differenz von 59,00 € im Stundensatz zwischen beiden Maschinen mehr als ausgeglichen. Die Fertigungskosten bleiben bis zum Break-Even bei 10.500 Bogen Auflagenhöhe an der Achtfarben-Rapida 106 mit Lackform und Flying JobChange günstiger als an der Vierfarben mit Lack.
Bei häufigen Sprachwechseln ist der Einsatz einer Sechsfarbenanlage mit Flying JobChange interessant. Bei gleichem Vierfarbsatz in den Werken 1 bis 4 erfolgen die Spracheindrucke im Fliegenden Wechsel in den Werken 5 und 6. Eins bleibt bei allen drei Varianten gleich: Flying JobChange kann den Druck bei kleineren Auflagen deutlich effektiver machen und den Digitaldruck wirtschaftlich alt aussehen lassen.



